Rückblick
22. Juli 2026 | Pioneers Club, Ritterstr. 8, 33602 Bielefeld

Vom Vereinssocken-Startup zur Arminia-Kooperation

von links: Tim Roman Wieling und Sebastian Steinmeier (Nahtstelle), Lilian Weers und Luis Denninghoff (Marketing Pioniere)

Marketing Pioniere treffen die Gründer der L & S Nahtstelle GmbH.

(Bielefeld, 22. Juli 2026) Wie behauptet man sich in einem Markt, der von internationalen Sportartikelherstellern dominiert wird? Und wie gelingt es einem jungen Unternehmen, aus einer Idee für Vereinssocken innerhalb weniger Jahre eine Kooperation mit Arminia Bielefeld zu entwickeln? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gaben Sebastian Steinmeier und Tim Roman Wieling beim jüngsten Treffen der Marketing Pioniere im Pioneers Club. Statt eines klassischen Vortrags erwartete die Gäste ein lebendiger Austausch mit Workshop-Charakter – ganz im Stil der MPIOs, deren Sprecher Lilian Weers und Luis Denninghoff sich über die zahlreichen Teilnehmenden freuten.

Nahtstelle entstand aus einer ganz einfachen Frage: Warum gibt es für Handballer eigentlich so wenig stylische Kleidung, die man auch außerhalb der Halle gerne trägt? Sebastian Steinmeier, der bereits mit 17 Jahren sein erstes Unternehmen gründete und heute neben Nahtstelle das Start-up Nexo betreibt, lernte eher zufällig den ehemaligen Erst- und Zweitliga-Handballer Tim Roman Wieling kennen. Schnell war klar: Beide teilen nicht nur die Leidenschaft für den Sport, sondern auch den Wunsch, ihn modisch neu zu denken. „Wir wollten einem coolen Sport ein cooles Outfit verpassen“, brachten sie ihren Ansatz auf den Punkt. Hoodies, Shirts oder Sweater sollten nicht nur auf dem Weg zum Training funktionieren, sondern auch beim Stadtbummel oder abends mit Freunden. Gemeinsam mit Jonas Bentrup und Niclas Fulland entwickelten sie das Konzept konsequent weiter. Heute verfolgt Nahtstelle das Ziel, Vereine langfristig als Ausrüster und Partner für Teamwear und Lifestyle-Kollektionen zu begleiten.

Die Nahtstelle finden

Von Anfang an stand dabei Qualität vor Quantität. Produziert wird ausschließlich in Europa – in Portugal, Bulgarien und Deutschland. „Wir wollten das gleich qualitativ hochwertig angehen und langlebige Produkte herstellen“, erklärte Tim Roman Wieling. Kurze Transportwege, transparente Lieferketten und die Einhaltung europäischer Standards sind dabei nicht nur ein Beitrag zur Nachhaltigkeit, sondern auch ein Vorteil für große Vereine, die ihre Lieferketten zunehmend dokumentieren müssen.

Los ging alles mit individuell produzierten Socken. Der eigene Markenname ist darauf bewusst nur dezent platziert. „Wir wollen dem Verein oder der Firma die Bühne bieten“, sagte Sebastian Steinmeier. Die Mindestbestellmenge liegt bei 50 Paar. Auch der Firmenname selbst hat eine doppelte Bedeutung: Im Handball beschreibt die Nahtstelle den Raum zwischen zwei Abwehrspielern, in den es idealerweise vorzustoßen gilt – und natürlich spielt sie ebenso in der Textilbranche eine zentrale Rolle.

Marketing-Faktor „Kabinengeflüster“

Während andere Marken hohe Summen in klassische Werbung investieren, setzt Nahtstelle vor allem auf Empfehlungen. Google Ads gehören neben Social Media zwar zum Marketing-Mix, doch die beste Werbung sei nach wie vor das „Kabinengeflüster“. Die Qualität soll überzeugen. Deshalb stattet das Unternehmen aktuell mehrere Volleyball-Vereine kostenlos aus, um seine Kollektion im sportlichen Alltag zu etablieren. Parallel arbeitet das Team daran, Vereine stärker für das wirtschaftliche Potenzial von Merchandise zu sensibilisieren. „Wir leisten Aufklärungsarbeit“, sagt Sebastian Steinmeier. „Vielen Vereinen ist nicht bewusst, dass sie mit Merchandising Geld verdienen können.“ Dazu entwickelt das Team derzeit Case Studies, um zu zeigen, wo das gut funktioniert hat. Nahtstelle arbeitet ohne Investor. Die eine oder andere Finanzspritze kam aus dem familiären Umfeld. Mit einem Corporate-Fashion-Anbieter aus Stuttgart gingen die Gründer eine strategische Partnerschaft ein, um bei den großen Produktionsstätten besser wahrgenommen zu werden.

Ein Stricktrikot, das Bielefeld begeistert

Ein besonderer Coup gelang den Gründern mit dem Stricktrikot für Arminia Bielefeld. Die Idee entstand aus der Überlegung, Fanartikel anzubieten, die sich deutlich von klassischen Trikots unterscheiden. Persönliche Kontakte ebneten den Weg zum DSC – und das Ergebnis sorgte für einen Überraschungserfolg. „Arminia bestellte 150 Stricktrikots und wir haben für unseren Shop zusätzlich 150 Stück produzieren lassen. Die Werbung lief allein über Postings von Nahtstelle und einer Kooperation mit der Bielefelder Influencerin Vishi Par. „Das ging in Bielefeld schnell viral“, erinnert sich Sebastian Steinmeier. „Bei Arminia war der Artikel in 2 Minuten ausverkauft, bei uns im Shop in etwa 8 Minuten.“ Anschließend gab es einen Presale – innerhalb kürzester Zeit gingen 1.500 Bestellungen. Die Lieferzeit betrug sechs Wochen, denn der Erfolg brachte auch neue Herausforderungen mit sich. Als junges Unternehmen hat Nahtstelle bei den großen Produktionsstätten noch nicht die Prioritäten, die große Marken besitzen. Hinzu kommen bestehende Ausrüsterverträge vieler Vereine, die Kooperationen mit anderen Herstellern erschweren. Gerade im Bereich außergewöhnlicher Lifestyle-Artikel, also die Produkte, die ein Ausrüster nicht anbietet, sieht das Unternehmen jedoch eine spannende Marktlücke.

Gemeinsam Lösungen entwickeln

Passend zum interaktiven Charakter der Marketing Pioniere wechselte die Veranstaltung anschließend in die Workshopphase. Die Teilnehmenden beschäftigten sich mit der Frage, wie sich ein erfolgreiches Produkt wie das Arminia-Stricktrikot auch bei Vereinen vermarkten lässt, deren Fans dem DSC eher kritisch gegenüberstehen – etwa beim VfL Osnabrück oder VfL Bochum. In fünf Gruppen entwickelten sie kreative Ideen rund um Community Building, Storytelling und regionale Kooperationen.

Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie sich das Stricktrikot von seiner Arminia-Herkunft lösen und als eigenständiges Lifestyle-Produkt positionieren lässt. Statt die Ultra-Szene anzusprechen, empfahlen die Gruppen zunächst Familien und junge Fans als Zielgruppen in den Fokus zu rücken. Gleichzeitig solle weniger der Bezug zu Arminia als vielmehr die Geschichte hinter dem Produkt erzählt werden – von der nachhaltigen Herstellung über das außergewöhnliche Design bis hin zur regionalen Wertschöpfung. Weitere Vorschläge reichten von Kooperationen mit karitativen Einrichtungen über personalisierte Musterkollektionen für interessierte Vereine bis hin zu emotionalen Kampagnen, die Vereinsgrenzen überwinden und Identifikation schaffen.

Blick nach vorne

Zum Abschluss wartete noch eine Schätzfrage auf die Gäste: Wie viele Paar Socken hatte Nahtstelle im Jahr 2025 verkauft? Nachdem das Unternehmen in den ersten drei Jahren nahezu keinen Gewinn erwirtschaftet hat, markierte 2024 mit rund 15.000 verkauften Paaren den Durchbruch. Bereits ein Jahr später lag die Zahl bei beeindruckenden 67.000 Paaren. Mit einem Tipp von 68.000 lag eine Teilnehmerin am nächsten und durfte sich über das begehrte Arminia-Stricktrikot freuen.

Für Sebastian Steinmeier und Tim Roman Wieling ist diese Entwicklung jedoch erst der Anfang. Im vierten Quartal 2026 sollen rund 300 Vereine mit Socken beliefert werden. Perspektivisch möchte Nahtstelle komplette Vereinsausstattungen anbieten und sich als Partner für hochwertige Lifestyle-Kollektionen etablieren – mit dem Anspruch, Vereinen nicht nur Sportbekleidung, sondern eine identitätsstiftende Marke an die Seite zu stellen.

Text: Eike Birck, Freie Autorin und Journalistin; eike.birck@tips-verlag.de

Fotos: Susi Freitag, fotodesign freitag, www.fotodesignfreitag.de