21. September 2026 | Pioneers Club, Ritterstraße 8, 33602 Bielefeld
Verlässliche KI-Agenten im Marketing
v.l.: Daniel Klarhorst und Kristina Herrmann vom Marketing Club Ostwestfalen-Lippe e. V. mit Lukas Tenge und Dr. Bassam Mokbel von Ohja.ai Foto: Susi Freitag
Virtuelle Personas und KI-Videogestaltung
(Bielefeld, 21. September 2026) KI verändert die Welt und hält zunehmend Einzug im Marketing. An diesem Abend im Pioneers Club ging es um die spannende Frage, wie verlässliche KI-Agenten im strategischen Marketing durch virtuelle Persona-Avatare dabei helfen können, die Zielgruppe besser zu verstehen. Außerdem demonstrierten Dr. Bassam Mokbel, Expert in AI and Machine Learning, und Lukas Tenge, Automation & AI Solutions Specialist von Ohja.ai, wie ein KI-Agent gezielt bei der Generierung von Videocontent unterstützt.
Für Lukas war der Abend ein „kleiner Full-Circle-Moment“. Vor zwölf Jahren arbeitete er bei der Geschäftsstelle des Marketing Club Ostwestfalen, danach gründete er ein eigenes Start-up und verkaufte es 2019. Bassam bringt als promovierter Informatiker mehr als 17 Jahre Erfahrung in KI und Machine Learning mit. Vor rund drei Jahren gründete er gemeinsam mit Lukas Tenge und Wladimir Kossov Ohja.ai, das sich auf maßgeschneiderte KI- und Automatisierungslösungen spezialisiert hat. Inzwischen hat das Start-up mehr als 50 Anwendungsfälle in rund einem Dutzend Branchen umgesetzt. Dabei gilt für die Arbeit mit Kunden wie auch im eigenen Unternehmen: „AI first“. „Was automatisiert werden kann, setzen wir um“, unterstreicht Bassam. So bleibt das Team schlank und das Wachstum gesund.
Weniger ist manchmal mehr
Bevor es um konkrete Anwendungen ging, gab Bassam zunächst einen Einblick in die Grundlagen der Arbeit von KI-Agenten. Im Mittelpunkt stand der Kontext, eine bei der Arbeit mit großen Sprachmodellen (LLMs) oft unterschätzte Ressource. Moderne Large Language Models können zwar sehr große Mengen an Informationen verarbeiten – man stelle sich alle Harry-Potter-Bände als Text vor –, aber mehr Kontext führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Gerade Informationen in der Mitte eines langen Prompts werden weniger zuverlässig berücksichtigt. „Man sollte beim Kontext sehr wählerisch sein und die Länge in der Regel nicht ausschöpfen“, lautete seine zentrale Botschaft. Für die Praxis bedeutet das: Aufgaben besser in kleinere Schritte zerlegen, statt möglichst viele Anforderungen in einen einzigen Prompt zu packen. Auch das Starten eines neuen Chats zur Reduzierung des Kontexts kann hilfreich sein. Ein einfaches Beispiel: Soll ein Bild mit einer bestimmten Person, Pose, Kleidung und einem definierten Hintergrund entstehen, lässt sich zunächst die Person generieren und anschließend das gewünschte Motiv ergänzen. So bleibt der jeweilige Kontext überschaubar und die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich besser kontrollieren. Letztlich ist auch hier der Mensch, „Human in the Loop“, gefragt.
Der digitale Zwilling für die Marktforschung
„Unternehmen wollen wissen, wie ihre Kunden ticken: Warum bevorzugen sie ein Produkt? Welche Werbung spricht sie an? Was stört sie?“, leitet Lukas über zu einem konkreten Anwendungsfall. Die Marktforschung liefert darauf Antworten – in standardisierten Befragungen ebenso wie in qualitativen (Tiefen-)Interviews, aus denen oft umfangreiche Transkripte entstehen. Genau hier kommen quelleninformierte Persona-Avatare (QuPa) ins Spiel. Die Idee: Was wäre, wenn sich eine Person auch zu neuen Fragen befragen ließe, ohne dass dafür erneut ein Interview geführt werden müsste?
Für ein gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Interrogare entwickeltes Pilotprojekt werden die Aussagen einer realen Person in einer Datenbasis hinterlegt. Aus diesem Material entsteht ein Avatar, der neue Fragen auf Grundlage der bisherigen Antworten beantwortet. „Das ist am Ende ein digitaler Zwilling für die eine Person“, erklärt Bassam. Entscheidend ist, dass sich die Antworten auf die Quellen stützen, die das System in den bisherigen Aussagen findet. Im Idealfall wird damit aus einem einmal geführten Interview eine Art dauerhaft befragbare Kundenperspektive.
Für die Marktforschung liegt darin gleich ein doppelter Nutzen: Zum einen lässt sich eine große Menge an Interviewmaterial gezielt durchsuchen, ohne jedes Gespräch erneut komplett auswerten zu müssen. Zum anderen können neue Fragen entlang der bereits bekannten Themen gestellt werden. Das System kann Aussagen miteinander verknüpfen und vorsichtig extrapolieren – etwa wenn aus verschiedenen Äußerungen eine Haltung zu Nachhaltigkeit erkennbar wird. Geht eine Frage dagegen deutlich über die vorhandenen Quellen hinaus, soll der Avatar keine konkrete Antwort erfinden. Das Interesse der Marktforschung an solchen „synthetischen Befragten“ ist groß. Die Technologie soll nach Möglichkeit nicht die individuellen Stimmen zu einem Durchschnitt verwischen. Denn gerade die unterschiedlichen Perspektiven einzelner Kunden können für Unternehmen wertvoll sein – etwa wenn es darum geht, Produkte weiterzuentwickeln, Verpackungen zu gestalten oder Werbemittel zu testen.
Unterstützung beim Relationship Marketing
Dass Agentensysteme nicht nur in der Marktforschung eingesetzt werden können, zeigte Lukas anhand eines weiteren Beispiels aus dem eigenen Arbeitsalltag. Bei Ohja.ai werden Kundenupdates nicht mehr als lange E-Mail-Ketten oder umfangreiche Dokumente verschickt, sondern als interaktive, personalisierte Landingpages. Der Input dafür kann erstaunlich unkompliziert erstellt werden: mit einer Sprachnachricht, die Lukas beim Spaziergang aufnimmt. Das Agentensystem erkennt daraus zunächst, um welchen Kunden es geht, greift auf Projektdaten, Repositories und Call-Transkripte zu, bündelt und priorisiert die Informationen und erstellt daraus schließlich eine strukturierte Landingpage. „Wir schauen immer, was wir uns als Werkzeuge bauen können, um unsere Arbeit – in diesem Fall die Förderung der Kundenbeziehung – zu optimieren.“
Ein Director für KI-Videos
Noch anschaulicher wurde der Ansatz beim Blick auf den sogenannten Ohja.ai Director. Das auf KI-Agenten basierende System kann aus einem Produktdatenblatt und wenigen Vorgaben ein komplettes Konzept für ein Social-Media-Video entwickeln. Im Beispiel war die Aufgabe, aus den Informationen zu einer Waschmaschine ein Video für eine junge Zielgruppe zu erstellen. Das System generierte automatisch Briefing und Skript, suchte Referenzbilder heraus und zerlegte anschließend die Videoproduktion in einzelne Schritte. Für jede Szene werden Start- und Endframes sowie ein sogenannter Transition Prompt erstellt, der beschreibt, was zwischen den beiden Bildern passiert. Das letzte Bild einer Szene wird zum Ausgangsbild der nächsten. So lassen sich einzelne kurze Sequenzen zu einem längeren Video verbinden. Zugleich bleibt der Mensch im Prozess: Bilder können verändert, Prompts angepasst und einzelne Schritte manuell gesteuert werden. „Am Ende steht ein komplettes Paket mit Videosequenzen, Voice-over und Untertiteln, das sich in ein gängiges Schnittprogramm übernehmen lässt. Der gesamte Prozess dauert etwa 15 Minuten“, berichtet Lukas.
Dabei verstehen die Gründer von Ohja.ai die Technologie ausdrücklich nicht als Ersatz für fachliches Know-how. Die Systeme seien vielmehr „spezialisierte Assistenzsysteme“, die Marketingfachleuten oder Videografen zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Wer das Ergebnis beurteilen und gezielt steuern wolle, brauche weiterhin entsprechendes Wissen. Gerade darin liege ein wichtiger Punkt: KI übernimmt Arbeitsschritte, aber die fachliche Einordnung bleibt Aufgabe des Menschen.
Und wie verändert KI dadurch die Arbeit im Marketing? Bassam sieht vor allem eine Verschiebung der Ökonomie. Dinge, für die vor einigen Jahren noch ein Webentwickler oder ein größeres Produktionsteam notwendig gewesen wären, lassen sich heute innerhalb kurzer Zeit realisieren. Gleichzeitig könnten dadurch neue Möglichkeiten entstehen – etwa deutlich stärker individualisierte Werbung. Dadurch verändern sich Aufgaben, Arbeitsweisen und Wertschöpfung. Am Ende stand damit weniger die Frage nach dem nächsten großen KI-Tool als die Überlegung, was sich sinnvoll neu denken lässt. Viel Diskussionsstoff, der beim anschließenden Get-together lebhaft vertieft wurde.
Text: Eike Birck, Freie Autorin und Journalistin; eike.birck@tips-verlag.de
Fotos: Susi Freitag, fotodesign freitag, www.fotodesignfreitag.de

































































































