Rückblick
15. September 2026 | Amplio - Amplifying Brands Digitally, Lise-Meitner-Straße c, Paderborn

KI-Sichtbarkeit im Praxischeck

Der Marketing Club Ostwestfalen-Lippe e. V. zu Gast bei Amplio (v.l.: Jan Hendrik Leifker, Geschäftsführer Amplio, Sabine Schoner, Präsidentin, Präsidentin des MC OWL, Mirco Welsing, Geschäftsführer TMC GmbH, Kristina Herrmann, Programmplanerin MC OWL, Carina Graskamp, Teamlead Online Marketing bei Amplio und Weitere), Foto: Mirco Welsing von TMC GmbH

Wie sichtbar ist die eigene Website für ChatGPT & Co.?

(Paderborn, 15. September 2026) „Heute haben wir unsere Premiere in Paderborn“, sagt Programmplanerin Kristina Hermann zur Begrüßung. Der Marketing Club Ostwestfalen ist zu Gast bei TMC Amplio, wo Digitalberatung und Agenturkompetenz zusammenkommen, um Unternehmen im Mittelstand beim digitalen Wachstum zu unterstützen. An diesem Abend geht es um die spannende Frage: Wie verändert KI das Suchverhalten – und wie steht es um die Sichtbarkeit der eigenen Website?

„Die KI entscheidet heute schon, welches Angebot überhaupt in die Auswahl kommt“, sagt Carina Graskamp. Gemeinsam mit Jan Hendrik Leifker, Co-Founder und Geschäftsführer von Amplio, zeigt die Team Lead Online Marketing, wie sich die Suche verändert und was das für Unternehmen bedeutet. Die Zahlen machen deutlich, warum das Thema längst relevant ist: 54 Prozent der Befragten bekamen bereits von einer KI Produkte empfohlen, die sie vorher gar nicht in Betracht gezogen hatten. 48 Prozent kauften ein Produkt, das ihnen auf Basis einer KI-Recherche vorgeschlagen wurde. 70 Prozent nutzen KI bereits für Preis- und Produktrecherchen, und im B2B-Bereich haben 45 Prozent KI schon für die Anbieter- oder Produktsuche eingesetzt.

Suche wird zum Multichannel-Thema

Google ist deshalb keineswegs tot. Mehr als 97 Prozent der Deutschen nutzen noch immer die klassische Suchmaschine. Zugleich zählen inzwischen 68 Prozent auch zu den KI-Suchenden. Bei den Jüngeren bis 45 Jahren ist die Nutzung von KI stärker ausgeprägt. „Wir haben keine Entweder-oder-Betrachtung“, betont Carina. Google ist weiterhin stark, wenn eine konkrete Website, ein bekannter Anbieter, aktuelle Nachrichten oder eine kurze, eindeutige Information gesucht wird. Bei komplexen und offenen Fragestellungen spielen KI-Assistenten ihre Stärke aus: Sie ordnen ein, erklären Zusammenhänge und ermöglichen Folgefragen. Auch die Art der Suchanfrage verändert sich. Statt einzelne Begriffe einzugeben, formulieren Nutzer komplette Fragen und liefern gleich Kontext mit. Die KI soll nicht nur eine Information liefern, sondern Optionen vergleichen, Unterschiede erklären und eine Entscheidung vorbereiten.

Damit entsteht in der Customer Journey ein neuer Touchpoint. Früher führte der Weg von Google auf die Website eines Anbieters. Heute kann die entscheidende Information bereits in der KI-Antwort stehen. Die große Frage lautet deshalb: Wie werden Unternehmen und ihre Produkte von KI-Assistenten gefunden – und warum tauchen manche auf, andere nicht?

Carina bringt ein anschauliches Beispiel aus der Optikerbranche mit: Auf die Frage, wer einen kostenlosen Sehtest anbietet, nennt die KI unter anderem Fielmann, Apollo und Rottler und liefert ungefragt weitere Informationen, die übersichtlich in einer Tabelle dargestellt werden. „Ich wüsste jetzt gar nicht mehr, warum ich auf die Website klicken sollte“, beschreibt Jan Hendrik ein mögliches Nutzerverhalten. Ist eine Filiale gleich um die Ecke, könnte die Antwort bereits ausreichen, damit der Nutzer einen der drei Optiker aufsucht.

Doch wer entscheidet eigentlich, welches Unternehmen genannt wird – und in welcher Reihenfolge? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. KI-Assistenten greifen auf unterschiedliche Quellen zurück, arbeiten mit eigenen Algorithmen und bewerten Relevanz jeweils anders. Auch der Kontext der jeweiligen Anfrage spielt eine Rolle. Bei einigen Systemen sind Suchmaschinenergebnisse wichtiger, andere beziehen stärker externe Quellen ein. „Es ist tatsächlich sehr individuell“, erklärt Jan Hendrik.

Vier Säulen für mehr KI-Sichtbarkeit

Damit kommt der eigenen Website eine neue, aber keineswegs geringere Bedeutung zu. Sie bündelt Inhalte, Expertise und Wissen über das Unternehmen und liefert damit die Grundlage für KI-Antworten. Gleichzeitig reicht die eigene Website allein nicht aus. „Sichtbarkeit passiert ja nie von allein“, sagt Carina. Fachportale, Medienberichte, Bewertungsplattformen und andere externe Quellen können bestätigen, dass die Informationen auf der Website glaubwürdig sind. Und Vertrauen ist eine wichtige Währung. Nur rund 36 Prozent der Online-Suchenden vertrauen KI-Antworten grundsätzlich, während die Quote bei klassischen Suchmaschinenergebnissen bei 76 Prozent liegt.

Für Unternehmen nennt Carina vier zentrale Säulen der KI-Sichtbarkeit: Inhalte, Struktur, Technik und externe Signale. Inhalte müssen so aufbereitet sein, dass KI-Assistenten sie verstehen und möglichst direkt als Antwort verwenden können. Eine klare Seitenstruktur hilft den Systemen, Informationen einzuordnen. Technisch müssen die Inhalte zugänglich und auslesbar sein. Und externe Signale tragen dazu bei, die eigene Expertise zu bestätigen.

Wie das funktionieren kann, zeigt erneut ein Beispiel aus der Praxis. Ausgangspunkt war die Frage, wie das Unternehmen Rottler – auch gegenüber Mitbewerbern – sichtbarer werden kann. Dafür haben die Expert:innen von Amplio relevante Themen und typische Fragen verschiedener Zielgruppen identifiziert. Ein zentraler Begriff: Sehtest. Welche Fragen stellen Menschen, wenn sie schlechter sehen? Was interessiert Fahranfänger? Welche Formulierungen könnten in einem KI-Prompt auftauchen?

Darauf aufbauend wurden Inhalte entwickelt und Seiten optimiert. „Die KI liebt Frage-Antwort-Spiele“, erklärt Carina. FAQs können dabei helfen, konkrete Fragen direkt zu beantworten. Zusätzlich wurde die Website technisch optimiert und mit strukturierten Daten versehen. Rottler konnte damit eine Sichtbarkeitssteigerung von 25 Prozent erreichen und 452.739 Werbekontakte generieren. Das Beispiel zeigt außerdem, dass es nicht den einen Hebel für alle Systeme gibt. ChatGPT, Gemini, Perplexity oder Google AI Overviews funktionieren dabei unterschiedlich. KI-Sichtbarkeit ist deshalb kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess.

Von Anzeigen bis AI-Commerce

KI verändert die Werbewelt. Seit Ende August sind ChatGPT-Anzeigen auch in Deutschland verfügbar. Jan Hendrik berichtet von ersten Tests. Die Anzeigen seien derzeit teurer als klassische Google Ads, könnten aber näher am tatsächlichen Nutzungskontext ausgespielt werden. Denn bevor eine Anzeige erscheint, hat sich der Nutzer bereits ausführlich mit einem Thema beschäftigt. Wie sich Kosten, Klicks und Conversions langfristig entwickeln, ist allerdings noch offen.

Noch weiter reicht der Blick auf den sogenannten AI-Commerce. In den USA werden bereits Produktempfehlungen direkt in ChatGPT integriert. Der nächste Schritt wird möglicherweise sein, dass Nutzer nicht mehr selbst verschiedene Shops durchsuchen, sondern einen KI-Agenten mit dem Einkauf beauftragen. „Ermittel mir den besten Preis und kaufe bis zu einem bestimmten Limit“ – ein Szenario, das in naher Zukunft Wirklichkeit werden könnte.

Für Webshops könnte das einen grundlegenden Perspektivwechsel bedeuten. „Die eigene Seite ist dann nicht mehr erste Anlaufstelle, aber sie muss vor allem Produktinformationen, Preise, Verfügbarkeiten und weitere Daten so bereitstellen, dass KI-Systeme damit arbeiten können“, betont Jan Hendrik.

Die Website auf dem Prüfstand

Wie konkret das Thema ist, zeigt schließlich die Live-Klinik. Eine Website aus dem Publikum wird direkt vor Ort auf ihre „KI-Readiness“ geprüft. Dabei werden Sichtbarkeit, Zugänglichkeit, Technik und Content unter die Lupe genommen. Mit verschiedenen Prompts testen drei Amplio-Mitarbeitende, was KI-Modelle über das Unternehmen wissen, ob die Marke genannt wird und welche Wettbewerber auftauchen. Das Ergebnis: 48 von 100 Punkten. Vor allem bei Technik und Website-Hygiene zeigt sich Handlungsbedarf. Eine llms.txt – also eine Textdatei im Stammverzeichnis einer Website, die KI-Systemen und Sprachmodellen eine strukturierte Übersicht und Inhaltsangabe bietet – fehlt. Dazu kommen nicht erreichbare Seiten, Weiterleitungsketten und fehlende Seitentitel. Auch externe Signale wie ein Wikipedia-Eintrag können für die Wahrnehmung eines Unternehmens als eigenständige „Entität“ relevant sein. Die Analyse führt zu weiteren Fragen aus dem Publikum, die später in lockerer Runde bei Hotdogs und Getränken vertieft wurden.

Text: Eike Birck, freie Autorin und Journalistin; eike.birck@tips-verlag.de

Fotos: Mirco Welsing, Geschäftsführer der TMC GmbH und Vorstandsmitglied Bereich Digitalisierung des BVMC (Bundesverband Marketing Clubs)